Noch ein Epos – Die Tore der Welt

Mit seinem Historienroman Die Säulen der Erde schuf Ken Follett 1989 ein Werk, dass seinesgleichen suchte. Überhäuft mit Lob und Anerkennung, verfilmt und inzwischen auch als Computerspiel versoftet ist es eines, wenn nicht sogar das erfolgreichste Buch Follets. Ganze 18 Jahre dauerte es, bis der Nachfolger Die Tore der Welt erschien. Ein Roman, welcher die Aufgabe bewältigen sollte in immens große Fußstapfen zu treten.

Die Tore der Welt trägt sich größtenteils in einer englischen Stadt namens Kingsbridge zu. Ein genialer Architekt mit rotem Schopf strebt zu einem der erfolgreichsten Baumeistern seiner Zeit auf, hat auf diesem Wege jedoch unzählige Erschwernisse hinzunehmen. Dazu zählen der machtbesessene Klerus, sowie eine unglückliche Liebschaft mit einer der klügsten Frauen der Stadt. Derweil tyrannisiert ein grausamer Grundherr seine Dörfler, ohne dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden. Und sei das alles noch nicht genug des Übels steht über dem Ganzen auch noch eine riesige Verschwörung. Es ist eine Geschichte über Liebe und Hass, Stolz und Gier, Ehrgeiz und Rache.

Kommt Ihnen das bekannt vor? Die Zusammenfassung der Handlung könnte ebenso gut den Vorgängerroman Die Säulen der Erde beschreiben. Ken Follett selbst schreibt: „Ich konnte keinen weiteren Roman über den Bau einer Kathedrale schreiben, denn das wäre dasselbe Buch gewesen“. Damit hat Follett auch beinahe Recht. Wäre das Bauwerk im

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Ken Follett by

Mittelpunkt des Romans nicht eine Brücke, sondern erneut eine Kathedrale gewesen, so hätte man Die Tore der Welt fast als einen einfachen Abklatsch von Die Säulen der Erde betrachten können. Aber eben auch nur fast.

Zum einen unterscheidet sich die Rollenverteilung in dem zweiten Band der Kingsbridgereihe  stark zu seinem Vorgänger. Während im ersten Teil der Prior in Kingsbridge der engste Verbündete unserer Helden war, ist er dieses Mal der ärgste Feind. Dagegen tritt der Adel nicht als fremde, unerreichbare Gestalt auf, sondern er ist ein Teil der Familie. Zum anderen stellt spätestens ab der Hälfte des Romans ein düsteres Ereignis alles andere in seinen Schatten. Der schwarze Tod. In der Mitte des 14. Jahrhunderts, in welcher Die Tore der Welt angesiedelt ist, raffte die Seuche ungefähr ein Drittel der gesamte Bevölkerung Europas dahin. Diese unbeschreibliche Tragödie wird zum Mittelpunkt aller Geschehnisse und beeinflusst den Verlauf des Romans ungemein. So bleiben zwar Ähnlichkeiten zwischen Die Tore der Welt und Die Säulen der Erde bestehen, sie äußern sich jedoch hauptsächlich in gelegentlichen Déjà-vus. Die Tore der Welt hebt sich ausreichend von seinem Vorgänger ab, um ein eigenes gigantisches Werk darzustellen.

Zudem bleibt dem Leser kaum ausreichend Zeit, um sich über Parallelen zwischen den beiden Kingsbridge-Romanen Gedanken zu machen. Zahlreiche Intrigen und Wendungen sorgen für reichlich Spannung und ein ungewisses Schicksal aller Figuren. In einem Moment atmen wir erleichtert auf, im anderen bangen wir um die Zukunft unserer Helden. Die Karten auf dem mittelalterlichen Spielbrett des Adels und Klerus‘ werden ständig neu gemischt.

Dazu beeindruckt erneut die – für Ken Follett typische – herausragende Recherche. Während der Leser in Die Säulen der Erde beinahe jegliches Handwerk zum Bau einer Kathedrale mit auf den Weg bekam, sind wir nach Die Tore der Welt ausreichend mit Wissen ausgestattet, sollten wir eine Brücke bauen, oder kranke Menschen heilen wollen. Doch auch darüber hinaus schafft die sehr glaubwürdige Schilderung des Lebens im 14. Jahrhundert mit all seinen Tücken und Gefahren eine unglaublich dichte Atmosphäre, welche in kaum einen anderen Historienroman vorzufinden ist.

Somit steht Die Tore der Welt seinem Vorgänger in nichts nach, außer eben, dass es einen Vorgänger hat. Es füllt die hinterlassenen Fußstapfen ausgezeichnet, vergrößert dabei aber nicht. Das macht Die Tore der Welt dennoch zu einem großartigen Historienroman, welcher nahezu beispiellos ist. Ken Follett gelang es erneut ein Meisterwerk zu schaffen. Ein Pflichtlektüre für jeden Liebhaber von großer Literatur!

 

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