Buntkurios – Prinzessin Insomnia & der alptraumfarbene Nachtmahr

Zamonische Märchen für alt und jung. So lassen sich die Romane von Walter Moers, geschrieben unter dem Pseudonym Hildegunst von Mythenmetz wohl am besten betiteln. Sie sind kurios, sonderbar, abstrakt, bunt, fantasievoll und alle sonstigen Adjektive aus dieser Wortgruppe. Das somnambule Märchen Prinzessin Insomnia & der alptraumfarbene Nachtmahr steht den vorangegangenen Werken dabei in Sachen Kreativität in nichts nach.

Moers erschuf mit Die 13 einhalb Leben des Käptn Blaubärs den fiktiven Kontinent Zamonien samt unzähliger Spezien, wie Stollentrolle, Lindwürmer, Wolpertinger, Rettungssaurier und so weiter und so fort. Über die Jahre und Bücher vergrößerte sich die Vielfalt an Orten und Gattungen in Zamonien ungemein, und so trägt auch

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Moers‘ Pseudonym Hildegunst von Mythenmetz by

Prinzessin Insomnia zu diesem Reichtum bei. Mit Nachtmahren, Geistgeister, Grillos, Geomen und Egozetten – um nur wenige der neuen Gesichter zu nennen – gesellen sich eine Vielzahl neuer Spezien nach Zamonien.
Auf der Reise durch die neuen Gefilde sind wir aber nicht auf uns allein gestellt. Wir begleiten die Prinzessin Dylia, welche sich selbst Insomina tauft bei ihrer Suche nach einem Mittel gegen die endlose Schlaflosigkeit. Bis zu vier Wochen harrt Dylia ohne Schlaf in dem Schloss mit den sieben Türmen aus, was ihr unter anderem die übernatürlichen Fähigkeiten verleiht Hände zu röntgen, oder Zwielichtzwerge zu sehen. Dabei werden wir von Primus, dem ersten Kapitel bis Quintus, dem fünften Kapitel mit der Prinzessin vertraut gemacht. Wir lernen ihren Forscherdrang kennen, ihre Begeisterung für die Sprache, ihre Fantasie und ihren Erfindergeist. Es geht um kranke Planeten, bucklige Verwandtschaft, Pfauenwörter und Regenbogenerfindungen.

Das erste Sechstel des Romanes erweckt den Eindruck, als habe Walter Moers sich einmal gründlich in seiner unersättlichen Kreativität austoben wollen. Eine gesamte Seite über jegliche Facetten und Anwendungsbereiche des Wortes „Stehvermögen“ ist dabei noch harmlos. Relevanz dieser Kapitel für die nachfolgende Handlung? Gering. Zwar tauchen einige Hirngespinste Dylias auch in späteren Kapitel erneut auf und spielen bisweilen eine große Rolle, doch bis auf eine zu lang geratene Charakterbeschreibung Dylias lässt sich kein größerer Sinn in diesem Abschnitt des Buches finden.

Es wäre nun aber töricht über das Zuklappen des Buches aufgrund von einem Anflug der Langeweile nachzudenken, denn die Geschichte, welche uns ab Kapitel sechs des Buches erwartet bietet einen ungemein hohen Unterhaltungswert. Mit viel Lachen, etwas Bangen und einem zwischenzeitigen Anflug von Sentimentalität reisen wir mit Dylia und dem Nachtmahren Havarius Opal durch einen Schauplatz, der seinesgleichen sucht. Einmal durch das Gehirn bis hin nach Amygdala. Uns wird eine fundamental andere Denkweise über das Denken dargeboten, Alpträume bekommen ein Zuhause und die Erinnerung ein Gesicht. Gedanken werden zu Freunden und die Vernunft eine Gefahr. Genauso abstrakt wie die Beschreibung der Geschichte und Dylias klingt, genauso abstrakt ist sie auch. Abstrakt, aber absonderlich gut.

Wer Moers kennt und schätzt, dem wird auch dieses zamonische Werk außerordentlich gut gefallen. Wem der explosive Einfallsreichtum bereits aus Erfahrung zu viel ist, der dürfte auch dieses mal die Augen verdrehen dürfen. Diejenigen, die sich bislang aber noch nie mit Moers befasst haben, aber einen Funken Interesse verspüren, denen lege ich Prinzessin Insomnia & der alptraumfarbene Nachtmahr wärmstens ans literarische Herz.

Doch auch für alteingesessene Zamonienbegeisterte hält dieser Roman eine große Neuerung bereit: Die Illustration. Statt Moers’ schnörkeligen schwarz-weiß Zeichnungen, erwarten den Leser in diesem Buch die farbige Aquarelle der jungen Berlinerin Lydia Rode. Beinahe auf jeder Seite leuchten Figuren, Gegenstände, Szenarien oder sogar die Schrift selbst in den buntesten Farben. Zusammen mit dem bunten Einband und dem fliederfarbenen Buchbändchen stellt dieses Gesamtwerk wohl das „schönste“ aller Exemplare der Zamonienreihe dar. Wer sich für die Zusammenarbeit von Lydia und Walter Moers interessiert, dem empfehle ich ich aufs Außerordentlichste auch noch das Nachwort zu lesen, bevor auf das nächste fantastische Abenteuer gewartet wird.

Die Aquarelle von Lydia Rode

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