Schein trügt Sein – Der gefährlichste Ort der Welt

Ein Titel, der uns mit Angst und Spannung erfüllt: Was könnte der gefährlichste Ort der Welt sein? Der Klappentext will eine Antwort auf diese Frage geben. Der gefährlichste Ort ist wohl da, wo ihn niemand vermutet. In einem kleinen schönen und wohlhabenden Städtchen in der Bucht von San Francisco mit dem Namen Mill Valley. Ein Ort der vor allem für jeden Jugendlichen irgendwann zu einem goldenen Käfig wird. Er lässt eine Leere entstehen, die es zu vertreiben gilt. Doch wie macht man das, wenn man in der Highschool feststeckt, und die immer gleichen Leute um sich gescharrt hat?

Lindsey Lee Johnson versucht in ihrem Debütroman eine Antwort auf diese Frage zu finden. Sie widmet jedem einzelnen Jugendlichen ein Kapitel, welche in dem 11. und 12. Schuljahr angesiedelt sind, und gibt dem Leser einen Einblick in das Leben jedes

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Lindsey Lee Johnson by

Individuums. Dabei sind die Titel eines jeden Kapitels die Titel für die allzu bekannten Stereotypen, die es in jeder Highschool-Clique gibt. Wir haben Die Schöne, den Spezialisten, den Bemühten und noch viele weitere. Hinter jedem dieser Titel versteckt sich jedoch eine Geschichte, die uns deutlich machen soll, warum diese Jugendlich nach außen so einen Stereotypen widerspiegeln. Ein vielversprechender Aufhänger?

In dem Prolog des Romans beginnt Johnson etwas unkonventionell mit einem Schülerreferat der 8. Klasse über die Stadt Mill Valley. Doch anstatt dem Leser eine einfache Ortsbeschreibung vorzulegen hat dieses Referat bereits interessante philosophische Ansätze. Dem Achtklässler Tristan Bloch gelingt es, das totgeschwiegene Problem des Städtchens, nämlich den „Käfig“, zu erkennen und zu beschreiben.

In den folgenden neun Kapiteln findet nun die besagte Beschreibung aller Charaktere statt, die mal sehr losgelöst voneinander, aber auch mal sehr zusammenhängend vorkommen. Es geht, wie in dem Leben der meisten Jugendlichen, um Liebe, Wut, Mobbing, Schule, Freunde, Party und Familie. Was wie der Inhalt einer klassischen coming-of-age Geschichte klingt ist es dabei leider aber auch. Der außergewöhnliche Auftakt im Prolog wird schlichtweg nicht fortgesetzt, bis der Leser schließlich zu dem letzten Kapitel gelangt. Erst hier wird man wieder überrascht, wovon ich aber nichts vorweg nehmen möchte.

Das soll jetzt aber nicht heißen, dass die gesamte Geschichte dazwischen nicht zu gebrauchen ist. Jede Figur bekommt eine sehr überzeugende Persönlichkeit verliehen, und so freuen wir uns mit Dave und Elisabeth, bewundern Nick, oder trauern mit Tristan und Calista. Wir können alle Handlungen und Gedanken der Charaktere nachvollziehen und verstehen, warum sie so sind, wie sie sind. Doch trotz der spannungsgeladenen Geschichte bleibt das Problem der Oberflächlichkeit: So überzeugend die Hintergrundgeschichten der Jugendlichen auch sind, so ähnlich sind sie sich auch. Denn schon zu Beginn des Romans wird deutlich, dass die Autorin und Lehrerin Johnson jedes Mal die Eltern für das Schicksal ihrer Kinder verantwortlich macht. Eine vernachlässigte Kindheit, gescheiterte Ehen, oder falsche Wertevermittlung in der Entwicklungsphase. Die Eltern tragen hier (bis auf wenige Ausnahmen) immer die Schuld an den Fehlern ihrer Kinder.

Auch wenn dies in einigen Fällen durchaus der Wahrheit entspricht, so bleibt dies eigentlich nicht der einzige Faktor für die Entwicklung von Jugendlichen. Anstatt also eine vielschichtige Erklärung für das Verhalten der kommenden Generation zu liefern, scheint diese Geschichte eher ein Appell an die Elternschaft zu sein: „Kümmert euch um eure Kinder!“. Eine verpasste Chance, durch eine scheinbar eingeschränkte Sichtweise.

Man bekommt schlussendlich also einen mitreißenden coming-of-age Roman mit Hang zu einer Stunde bei der Schulpsychologin samt pädagogischer Anleitung „Wie erziehe ich mein Kind“ geliefert. Einen guten Roman, den auch ich verschlungen habe, den ich trotz meiner Kritik empfehle, und der mit etwas Glück auch etwas in der Gesellschaft bewirken kann.

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