Über den Hafen und das Leben – Eine Kurzgeschichte

 

Mir wurde eine Geschichte erzählt, ein Erlebnis. Ich saß in einer kleinen Spelunke am Hafen, Fischertrophäen und Modellboote an der Wand. Eine Schüssel Labskaus und ein Krug Bier vor mir auf dem Tresen. Neben mir ein großer, breitschultriger, braungebrannter Mann mit dem Tattoo eines Ankers auf der Schulter prangen. Eben ein echter Seebär in einer echten Hafenspelunke. Und dieser Seebär erzählte mir die Geschichte.

„Es war als der Frachter im Hafen lag und beladen wurde. Ich stand an der Pier und beobachtete wie der riesige Kran die monumentalen Container mit der Ladung anhob und sie auf das Schiff schwenkte, in welchem er schon so viel herumgekommen war. Ich war den Anblick gewöhnt, und dennoch faszinierte es mich jedes Mal auf’s Neue. Diese Giganten bei ihrem Zusammenspiel zu betrachten, an die Ladung zu denken, die an irgendeinem weit entfernten Ort erwartet wurde, und der Frachter, der schon so viele Länder und Menschen gesehen hatte. Es war, je mehr Gedanken man sich drüber machte, überwältigend. Morgen würde das Schiff ablegen, mit mir und meinen vielen Kollegen, sowie Freunden. Es würde ein anstrengender Tag werden, aus dem Hafen navigieren und der ganzen restliche Kram der getan werden musste, wenn die Reise begann.

Ich wollte auf einen von den noch nicht verladenen Containern klettern, und von dort aus auf den Frachter springen. Ich hatte es schon oft gemacht, und es hatte immer sauviel Spaß gemacht über das Wasser hinweg zu fliegen und mit beiden Füßen auf dem Deck zu landen. Also nahm ich Anlauf, sprang ab, verfehlte die Reiling, und klatschte ins Wasser. Es war später Herbst gewesen und das Wasser war bereits eiskalt, zwar hatten sich noch keine Eisschollen gebildet, aber viel würde es nicht mehr brauchen. Nun schlug dieses kalte Nass über meinem Kopf zusammen. Ich erschrak nicht, sondern blieb ruhig, schon unzählige Male war ich vom Boot aus ins Hafenbecken gesprungen. An der Pier gab es ein paar Sprossen für genau diese Situation, sodass ich einfach rausklettern, und über den herkömmlichen Weg, der Gangway, den Frachter betreten konnte. Mir war nass und kalt, also schnell trocknen und frische Klamotten her. Dachte ich zumindest.

Auf dem Weg zu meiner Kajüte begegnete ich dem Kapitän und dem Smutje, dem Koch, unseres Schiffes. Die Reaktion des Kapitäns, sein Name war übrigens Fynn, viel anders als erwartet aus. Er befahl mir, mich sofort unter die heiße Dusche zu stellen, und schickte den Smutje zur Hilfe beim Klamotten ablegen mit. Ich kam mir ein wenig lächerlich vor, na gut, ich war zwar in kaltes Wasser gefallen, doch ich war ein erwachsener Mann, ausziehen konnte ich mich doch wohl alleine. Ich erhob allerdings keinen Einspruch, immerhin war Fynn mein Boss.

In der Kajüte angekommen begab ich mich ins Bad, und wollte den Smutje gerade bitten draußen auf mich zu warten, da konnte ich mich nicht mehr bewegen, es war als wäre ich wie gelähmt. Die Kälte hatte mich bewegungsunfähig gemacht.

Also half der Smutje mir, mich auszuziehen,und mich unter die Dusche zu bewegen. Alleine war ich nicht mehr fähig dazu.

Und als das heiße Wasser über mich lief, löste sich die Kälte von mir, und ich war wieder frei.“

Ich fasste den Bericht als einfache Erzählung auf. Zahlte für Speiß und Trank, stieg in mein Auto und fuhr nach Hause. Ich duschte mich und legte mich in mein Bett. Erst jetzt beim Einschlafen dachte ich über die Geschichte nach. Insbesondere über das Ende.

Ein großer kräftiger Mann, hatte es nicht alleine unter die Dusche geschafft. Nur mit der Hilfe eines Anderen hatte er sich aus seiner Starre befreien können.

Eigentlich wie das Leben, schoss es mir durch den Kopf wie ich da lag. Egal wie stark du bist, es kommt der Moment, auch wenn du nicht damit rechnest, da kannst du dich nicht mehr bewegen, da bist du erstarrt, kommst nicht mehr weiter. Und dann, dann bist du auf die Hilfe Anderer angewiesen, dann brauchst du Menschen die dir helfen, dich wärmen, lösen und weitermachen lassen.

Ohne diese Anderen kommst du sonst nicht mehr weiter.

Dann schlief ich ein.

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