Sie. – Eine Kurzgeschichte

Das Abfahren des Zuges ließ meinen Mantel und meine Haare flattern, dann war er in der Dunkelheit verschwunden. Verstreut auf dem Bahnsteig

standen Menschen, welche in den anderen Wagons gesessen hatten, und nun zusammen mit mir die Bahn verlassen hatten.

Ich ging rasch durch die großen Gänge der U-Bahn Station, die Augen immer auf die wegweisenden Schilder gerichtet, während neben mir Leute entlang liefen, die entweder auf dem Heim-oder Hinweg waren. Doch ich beachtete sie alle nicht weiter, die Gruppen die sich ausgelassen über den bisherigen Abend unterhielten, oder diejenigen die Pläne schmiedeten, wie sie den selbigen nun verbringen würden. Ich hatte mir meinen eigenen kleinen Plan zurechtgelegt.

Dann stieg ich auf eine der großen hohen Rolltreppen, wurde sachte nach oben befördert. Als ich den Ausgang der Station passierte blies mir die heraufkommende Luft noch einmal kräftig in den Rücken, dann hatte ich sie hinter mir gelassen und trat dem menschlichen Strom der Innenstadt bei.

Supermärkte reihten sich an Modegeschäfte. Modegeschäfte an Restaurants. Restaurants an Hotels. Und Hotels an Supermärkte. Überall saßen Leute, auf Stühlen, oder auf den Bänken vor dem großen Fluss, welcher durch die Stadt verlief. Sie lachten und redeten und aßen und tranken. Die Promenade war vollgestopft davon. Da es noch nicht allzu spät war kaufte ich mir einen Burger, und setzte mich ans Wasser. Jetzt erst merkte ich wie hungrig ich war. Ich hatte Angst davor gehabt, dass ich es nicht schaffen könnte, dass ich nicht rauskommen würde. Diese Angst hatte an mir gezehrt, doch schließlich hatte ich mich überwunden und war los gegangen.

Als ich meine Mahlzeit beendet hatte erhob ich mich, und machte mich auf den Weg in die Gegend in der zu dieser Stunde die Stimmung weniger gesittet war.

Dann kam ich zu den Kneipen, vor denen bereits grölende Menschen saßen, und zu den Clubs, aus denen laute Musik hämmerte. Einer der letzteren war mein Ziel, und so trat ich an den Eingang irgendeines x-beliebigen Etablissement heran. Der Türsteher, ein großer muskulöser Mann mit glänzender Glatze, einem stoppeligen Bart und einem Ohrring musterte mich kühl, verlangte den Eintritt, und ließ mich passieren.

Ich betrat ein großen Raum mit lauter elektronischer Musik, zu denen sich die Leute auf der Tanzfläche in wilder Ekstase, ja fast schon wie in Trance bewegten. An den Seiten befanden sich Stühle und Tische an denen weitere Gruppen saßen, und am hinteren Ende der des Raumes entdeckte ich eine Bar an der sich die feiernden Menschen tummelten. Getaucht wurde die ganze Szenerie in ein flackerndes, ständig die Farbe wechselndes Licht, welches von den großen Scheinwerfern an der Decke, und von den seitlich angebrachten Bildschirmen ausging, über welche die unterschiedlichsten Formen streiften. Ich visierte die Bar an, und schob mich durch die eng aneinander gedrückten, sich ständig bewegenden Körpern über die Tanzfläche.

Bei der Bar angekommen nahm ich platz auf einem der wenigen noch freien Sitzhockern und bestellte mir zuerst ein einfaches Bier, trank es schnell aus um etwas lockerer zu werden, und wählte dann eines der neu-modernen Mischgetränke, welche so süß schmeckten, das man den Alkohol erst bemerkte, wenn er in den Kopf gelangte. Ich hatte allerdings nicht das Ziel betrunken zu werden, ich wollte einen klaren Kopf behalten, und so nippte ich nur ein wenig an meinem Glas und schaute mich um.

An der Ecke meiner Theke entdeckte ich eine Frau mit einem blonden Kurzhaarschnitt, und einem wunderbaren, kurzem roten Kleid. Ich erhob mich und bahnte mir einen Weg durch die feiernden Menschen. An der Ecke der Theke schob ich mich links von der roten Frau auf einen Platz. Ohne von mir Notiz zu nehmen wippte sie mit ihrem Knie, und klopfte mit ihren glänzend lackierten Fingern im Takt der Musik.

Eine meiner Schwächen ist, dass ich es selten schaff, mit einer Fremden Person willkürlich ein Gespräch anzufangen. Ob es daran liegt, dass ich einfach nur feige bin, oder etwas mit der, seitdem stark ausgeprägteren Verschlossenheit auf sich hat, kann ich jetzt nicht erklären, doch irgendwie gelang es mir, der wenige Alkohol in meinem Blut tat sein restliches, mit ihr jetzt hier ein Gespräch anzufangen. Vielleicht fragte ich sie nach ihrer Meinung zur Musik, vielleicht nach ihrem Getränk, wir redeten. Doch wissen tat ich nichts.

Dann fing ein neues Lied an. Es unterschied sich vom Klang, Rhythmus und auch in allem anderen in keinster Weise von den vorangegangenen. Es war ein normales wummerndes Club-Lied, doch kennt jemand dieses strobo Licht. Das ist diese Art von Lichtshow, bei der das Licht so schnell an und wieder ausgeht, dass du das Gefühl hast du bewegst dich anormal langsam, wie wenn jemand in einem Film eine Zeitlupe einfügt. Jedenfalls fing nun eben dieses Geblinke an. In Blau.

Ich saß und redete.

Ich fiel.

Ich fiel in das rot am schlanken weiblichen Körpers meines Gegenübers. Ich fiel in das flackernde blaue Licht. Ich fiel in die blonden Haare der Frau. Ich fiel in den leichten Nebel innerhalb meines Kopfes. Dann war der Fall vorbei und ich war wieder dabei als Es passierte.

Ich sah sie auf dem Boden liegen, bedeckt mit dem roten Schleier des Blutes, welches sich aus ihrem Brustkorb und ihrem Magenbereich auf ihren Körper ergoss. Hinter mir waren die blau blinkenden Leuchten der Polizei, der Feuerwehr und der Krankenwagen. Dann schüttelte mich jemand oder etwas. Paul! Paul! Hilfe! Hörte ich die Stimme einer Frau rufen und ich erhob mich. Löste mich und stieg wieder auf. Betrachtete die Szenerie von oben wie ein Vogel. Durch den Nebel kam ich zurück, fand mich auf dem Boden wieder. Um mich herum tanzende Menschen, neben mir eine kniende blonde Frau in einem roten Kleid.

Ich stand auf, versuchte es mit beruhigenden und abwehrenden Gesten, und machte mich auf die Suche nach dem Ausgang. Die Musik, das Licht, die Leute waren nun hinter mir. Eine kühle nächtliche Brise wehte mir ins Gesicht.

Es hatte nicht funktioniert. Es würde niemals funktionieren.

Ich rannte los. Irgendwo hin.

Ich hatte nicht geschafft Es hinter mir zu lassen.

Diese Geschichte ist die Fortsetzung zu der bereits von mir veröffentlichten Kurzgeschichte „Er.“. Hier könnt ihr sie gegebenenfalls lesen.

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