Leer. – Eine Kurzgeschichte

Es war Freitag Abend. Er lief durch die, noch vollen, Straßen der Innenstadt. Vorbei an grünen Ampeln, rot leuchtenden Ladenschildern und hellen Schaufenstern. Heute würde sich alles klären. Endlich.Vor einem Jahr war Till A. Becker erschlagen worden, vom Täter keine Spur, und er hatte den Fall sofort übernommen. Wer auch sonst?

Er war sofort zu der Leitung des Kommissariat geeilt, und hatte darum gegeben, den Mord aufklären zu dürfen. Er hatte eine Ermittlungsfrist von einem halben Jahr zugeteilt bekommen, nun saß er schon seit einem ganzen Jahr an der Sache. Hatte mehrere Mahnungen, Verwarnungen und jetzt auch fast eine Kündigung entgegen zu nehmen. Sollte er den Fall innerhalb der nächsten Woche zu den Akten legen, wäre er seinen Job los. Aber an aufgeben war gar nicht zu denken. Gerade jetzt nicht. Nun endlich hatte er einen Zeugen gefunden, welcher sogar Beweismaterial bereit stellen würde. Zumindest behauptete der Mann das. Neben ihm ging eine Frau. Arm in Arm mit einem Mann. Einige Meter weiter saß ein Obdachloser, mit einem Hund im Schoss, an einer Hauswand sitzend und bat um eine kleine Spende. Der Kommissar blieb stehen, zog seine Geldbörse aus der Tasche, und warf ein fünfzig Cent Stück ein den lehren Kaffeebecher, welchen der Obdachlose vor sich aufgestellt hatte. Das Schicksal der Menschen konnte so unterschiedlich sein, in nur einer Nacht konnte man alles verlieren. Nun stand der Kommissar gegenüber der Hillertwiete. Dort, so hatte sein Informant gefordert, sollten sie sich treffen. Er blickte auf seine Uhr. Zwanzig nach acht, in zehn Minuten sollte der Zeuge eintreffen. Also wechselte der Kommissar die Straßenseite, setzte einen Hut auf, steckte die Hände in die Manteltaschen und wartete.

Sieben Minuten

Fünfzehn Minute

Zwanzig Minuten

Momentan war auf den Straßen Feierabendverkehr, sollte der Zeuge mit dem Bus kommen, wäre die Verspätung einfach zu erklären.

Dreißig Minuten

Einige Meter weiter hielt ein Bus. Die Türen öffneten sich. Menschen stiegen aus. Die Türen schlossen sich. Ein Mann, wahrscheinlich mitte vierzig, ging in die Richtung des Wartenden. Und an ihm vorbei. Doch der Kommissar gab nicht auf. Nicht bei dieser letzten Chance.Gegenüber verkaufte ein Bäcker Heißgetränke. Er kaufte sich einen Kaffee. Schwarz. Dann kehrte er auf seinen alten Platz zurück. Es wurde später. Die Ladenschilder und Schaufenster lichter erloschen, die Ampeln stellten auf ein monotones Dauerblinken, doch niemand sprach den Kommissar an.Dunkler und immer dunkler wurde es, die Obdachlosen bereiteten ihre Schlafplätze vor, währen der Kommissar sich an die Hauswand lehnte und den Hut tief ins Gesicht zog. Dann fing es an zu regnen. Dicke Tropfen klatschten auf den Bordstein, auf die Krempe des Hutes, und liefen dem einsamen Mann, welcher zusammengesunken an einer Hauswand lehnte, ins Gesicht. Die Zeit zerrann mit der Hoffnung, wie das Wasser vor den Füßen des Wartenden. Und als es in der Früh aufhörte, war alles weg.Am nächsten Morgen wartete der Mann noch immer. Alles schmerzte ihm, er fror. Und alles war umsonst gewesen.Er trat den Heimweg an. Vorbei an den grauen Betonklötzen in welchen sich die Läden befanden. Vorbei an den lärmenden Autos, welche sogar am Samstag die Innenstadt heimsuchten. Er fühlte sich müde und leer. So leer.Nun hatte Kommissar Felix Becker nicht nur seinen Bruder verloren, sondern auch noch seinen Job.

In seiner Tasche vibrierte sein Handy.

Eine neue Nachricht.

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